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gelöschter Prolog aus Cupids Fluch

Diesen Prolog hatte ich zuerst geschrieben. Ich liebe ihn sehr, aber er weckt eben falsche Erwartungen, deswegen musste er weichen.

Der Tag, an dem ich aufhörte ein Sklavenmädchen zu sein, war ein warmer Samstag im Juli. Die zwei kleinen, warmen Hände von Nikolaj schubsten mich zur Seite. "Du kriegst mich nicht!" Er rannte lachend über den Feldweg auf den rauschenden Djas zu und übertönte das sanfte Rauschen der Brise, die über die goldenen Ähren des Meers aus Weizen strich. 21...22...23... ich rannte ihm hinterher. Mit jedem Schritt schlug mir der Schlüssel an dem Band um meinen Hals an den Brustkorb und die Sonne brannte auf meinen gebräunten Wangen. In der Ferne brummte der Traktor und die blauen Blüten der Kornblumen verschwammen zu blauen Punkten im Weizen, während ich ihm hinterherjagte.

Nikolaj war schnell, aber meine Beine waren länger - noch, wie mir Mama immer wieder versicherte. Ich streckte meine Hand aus und meine Fingerspitzen streiften sein weißes Baumwollshirt. Nikolaj quietschte, schlug einen Haken und rannte unter dem Schatten der Bäume am Ufer des Djas entlang.

"Gleich hab ich dich!", rief ich.

Nikolaj lachte und rannte noch schneller --

Das war lange meine glücklichste Erinnerung, auch noch nach seinem Tod. Mittlerweile denke ich an Venedig, an die Meerjungfrau, das Glitzern in Alexejs Augen. Wie nah doch Freude und Leid beieinanderliegen, Panik und Wut, Liebe und Hass. Erst viel später ist mir aufgefallen, wie ähnlich Alexejs und mein Magiedurchbruch war.

Ich holte wieder auf, die Wurzeln der Bäume drückten sich durch die abgelaufenen Sohlen meiner Turnschuhe, die mir ein Mädchen aus der Schule geschenkt hatte. Ein Baum war umgestürzt und reckte seine der Erde entrissenen Wurzeln Richtung Himmel. Flink kletterte Nikolaj den Stamm hinauf, unter dem das Wasser des Djas rauschte.

"Nikolaj, lass das! Du hast ja gewonnen!", rief ich und hielt mir meine stechende Seite. Mama hatte doch gesagt, ich sollte auf ihn aufpassen, während Papa und sie den Weizen von Meister Wladimir Jewdokimowitsch ernteten.

"Du kriegst mich nie!", Nikolaj setzte einen Fuß nach dem anderen auf die tote Rinde, seine Arme zu beiden Seiten ausgestreckt.

"Nikolaj, komm zurück! Das ist gefährlich!"

Sein glockenhelles Lachen wurde vom Gurgeln des Wassers ertränkt. Der Djas war nicht breit, aber nach starken Regenfällen wie gestern schien der ganz Fluss zu brodeln wie Mamas Erbsensuppe. Nikolaj balancierte weiter, er war schon über der Mitte des Flusses und mein Puls flatterte wild wie die Flügel einer Amsel gegen meinen Hals. Die glatten Sohlen meiner Schuhe rutschten an der Rinde ab, als ich versuchte, den Stamm zu erklimmen. Nikolaj schaute über seine Schulter und lachte. Da passierte es - sein Fuß fand an der Rundung des toten Baums keinen Halt und glitt ins Leere. Wie in Zeitlupe sah ich ihn mit seinen Armen wedeln und fallen. Meine Kehle schnürte sich zu und ich bekam keine Luft mehr.

In dem Moment, in dem Nikolaj ins Wasser eintauchte und die Wassermassen ihn begruben, explodierte etwas in meinem Inneren wie eine Supernova, die sich durch meinen Brustkorb nach draußen brannte. Meine Haut schimmerte blau metallisch und der Schlüssel glühte durch den dünnen Stoff meines weißen Shirts auf meiner Brust. Das Toben des Flusses, der brummende Traktor, das Rauschen der Blätter im Wind - es klang, als sei es weit entfernt.

Nikolaj lag im Gras, sein nasses Shirt klebte an seinem schmalen Oberkörper, jede Rippe sichtbar, und er spuckte Wasser. Kurz hustete er und das blaue Glimmen hörte auf. Er starrte mich mit großen Augen an. "Wie hast du das gemacht?"

Das wusste ich selbst nicht.

Am Abend desselben Tages kam Meister Wladimir Jewdokimowitsch das erste Mal in unser kleines Holzhaus. Ihn begleitete ein großgewachsener Mann aus Moskau in einem dunkelblauen Anzug mit dunkelblauer Krawatte, an dessen zweitem Knopf ein rotes Spielzeugauto an einer silbernen Kette baumelte. Ich hätte großes Glück, die Sterne seien mir gewogen, sagte er. Meine wenigen Sachen waren schnell gepackt und am nächsten Morgen nahm er mich mit seinem Schattenschritt mit nach St. Petersburg ans Schloss Peterhof - die einzige Zauberschule in ganz Russland, die überhaupt Kinder von Erdlingen annahm. Meister Wladimir Jewdokimowitsch schüttelte mir sogar zum Abschied die Hand und aus Irina Wladimirowna Iwanowa wurde Irina Igorevna Iwanowa. Ich war frei.

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